Noch 33 Tage bis zur Anmeldung.
Noch 61 Tage bis zum Herbstfest.
Zeitungsbericht Tauberzeitung 24.09.2010

Niederstettener Lebensgefühl

Der Winzertanz gehört seit 125 zum Herbstfest
Die Frage ist: Rot oder Grün?

Traditionen sind out? Falls dem so ist, bildet der Niederstettener Winzertanz die Ausnahme der Regel. Der Tanz ist in - nicht nur bei der Jugend der Stadt. In diesem Jahr wollten mehr mitmachen, als Plätze frei waren.

KATHARINA GABEL

Niederstetten • Entweder du bist ein Roter oder ein Grüner - dazwischen gibt es nichts. "Das ist wie Dortmund oder Schalke", versucht Winzertänzer Paul Groß einen Vergleich zu finden. "Da wächst man rein", betont er.

Paul ist ein Grüner - natürlich. Roland Dietz ist ein Roter - was sonst? Trotz zeitweiser Rivalität, die beiden haben drei Dinge gemeinsam: Beide "hüpfen" den Niederstettener Winzertanz, beide sind die dienstältesten Tänzer ihrer Farbe - die Könige - und beide sind in diesem Jahr zum letzten Mal dabei, da beide beim nächsten Winzertanz verheiratet sein werden.

17 Mal ist der 33-Jährige Roland mitgehüpft, das es dieses Jahr das letzte Mal ist, blendet er aus. "Spätestens am Sonntag wird mir bewusst werden, dass ich alles, was ich gerade tue, zum letzten Mal mache", sagt er. Am Samstag wird er zum letzten Mal als Winzertänzer beim Herbstlauf mitlaufen, am Sonntag der letzte Umzug, am Montag der letzte Tanz, im Anschluss wird er zum letzten Mal mit den anderen Tänzern feiern.

Winzertanz, das ist Niederstettener Lebensgefühl. Und daran wollen alle Jungen der Stadt und ihrer Ortsteile und mittlerweile auch Auswärtige teilhaben. Insgesamt 48 Paare tanzen in den letzten Jahren mit, wobei bei jedem Paar mindestens einer der Partner aus Niederstetten kommen muss. In diesem Jahr hatten sich sogar mehr potenzielle Tänzer gemeldet als Arnd Wollinger, Leiter der Winzertänzer, unterbringen konnte. "Immerhin können alle Tänzer teilnehmen, die bereits im letzten Jahr dabei waren", sagt Wollinger.

Weshalb der Winzertanz so beliebt ist, kann Wollinger nicht erklären. "Vielleicht, weil wir kein Verein sind und sich das Tanzen auf sechs Wochen begrenzt, vielleicht ist es das gemeinsame Erlebnis oder die künstliche Rivalität, die während der Probezeit zwischen den beiden Farben durch Wettkämpfe im Stiefeltrinken aufgebaut wird", mutmaßt Wollinger.

Mittwochabend: Der Countdown zum Herbstfest läuft. Auf dem Niederstettener Sportplatz nehmen die Winzertänzer im Flutlicht ihre Positionen ein, der zwanzigminütige Tanz startet mit einer Sternformation. Wollinger schließt sein Handy an einen Verstärker an und drückt auf Play.

Scheppernd dröhnt der Winzergalopp aus dem Lautsprecher. Wollinger bläst kurz in seine Trillerpfeife. Der Tanz beginnt. Rad zu zweit, Rad zu zwei Paaren, vier Burschen, vier Mädchen. Pfiff - Richtungswechsel, Pfiff - nächste Figur. Der feuchte Rasen patscht unter den Turnschuhen der Tänzer. Zöpfe fliegen. Hände greifen ineinander und lassen sich wieder los. "Takt, Takt", ruft Wollinger. "Denkt an den Abstand. Zwei Meter". Wollinger muss sich konzentrieren, die jungen Leute tanzen nach seiner Pfeife. Ein Pfiff an der falschen Stelle würde den ganzen Haufen durcheinander bringen.

Zwanzig Minuten später ist der Tanz zu Ende. Den Winzertänzern steht der Schweiß auf der Stirn, das Hüpfen ist anstrengend.

Doch Abkühlung ist nah: Nach dem Training trifft man sich zum Stiefeltrinken in Wirtshaus. Für jeden ausgetrunkenen Stiefel erhält die jeweilige Farbe eine Punkt. Und im Moment liegen die Grünen noch hinten. . .

Einige Stationen des Niederstettener Winzertanzes

1925 gründet der Niederstettener Richard Knenlein den Winzertanz. Inspiriert wurde er dabei wahrscheinlich vom Schäfertanz in Rothenburg. Beim ersten Mal tanzten 24 Paare in roten und grünen Trachten. Für Mädels besteht Zopfpflicht.
In den 1960er Jahren fällt die Zopfplicht, außerdem nahmen die Beliebtheit des Tanzes zunächst ab bis 1965 Ernst Wollinger die Leitung von Ernst Weigel übernimmt.
1974 komponiert Hartmut Schmitt den Winzertänzern ihren eigenen "Galopp" Johann Apfelbacher, Dirigent der Vorbachtaler Musikanten ließ diesen vom Heeresmusikcorps in seine heutige Fassung bringen.
2000 übergab Ernst Wollinger die Leitung an seinen Sohn Arnd.